SELBSTVERSUCH Kleiner Bräuner

Stadtleben | aus FALTER 05/02 vom 30.01.2002

Sie werden aussehen wie nach einem Urlaub in Sankt Moritz", hatte Solariumswärterin Nina noch in meine Kabine gerufen, bevor sie die Starttaste drückte. Ich habe den schweren Deckel zugezogen und liege nun nackt, eingeschmiert, eine winzig kleine Sonnenbrille auf den geschlossenen Lidern auf kaltem Plexiglas. "Ergoline Classic 450" heißt mein Sonnenbett. Mal sehen, wohin die Reise geht. Die UV-A- und UV-B-Röhren starten und mit großem Getöse auch ein Gebläse. Ich blinzle, und durch die Sonnenbrille sehe ich die Glühfäden in den Gesichtsbräunern direkt vor mir. "Nicht ins Licht schauen", denke ich und schließe wieder die Augen. Fad. Nach schätzungsweise zwei Minuten beginne ich am Rücken leicht zu schwitzen. Das Gebläse ist zwar laut, kühlt aber. Angenehme Brise. Plötzlich ein Knacken. Habe ich meine Kabinentür auch wirklich versperrt? Panik? Platzangst? Schlafen? Nicht einschlafen. Langsam könnten meine bestellten 16 Minuten jetzt aber bitte wieder vorbei sein. Irgendwo muss es eine Radiotaste geben. Aber dazu müsste ich die Augen öffnen. Lieber nicht. Lieber warten. Nach gefühlten zwei Stunden gehen endlich künstliche Sonne und Brise aus. Nichts wie raus. Ich klappe den Sargdeckel auf und ziehe mich schnell wieder an. "Na?", fragt Nina. "Toll", sage ich und schaue in den Spiegel. Mein Gesicht ist leicht rot. Sankt Moritz? Ich glaube, ich mache lieber Urlaub im Norden. Und in der echten Sonne.

C. W.


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