Ein Krebs auf weitem Feld

JÖRG MAGENAU | Kultur | aus FALTER 08/02 vom 20.02.2002

LITERATUR In seiner soeben erschienenen Novelle "Im Krebsgang" thematisiert Günter Grass deutsches Leiden und wird auf einmal wieder gelobt. JÖRG MAGENAU

Günter Grass gut zu finden galt im vereinigten Deutschland als ein Sakrileg, vor dem sich der modebewusste Feuilletonist bei Strafe der eigenen Veronkelung zu hüten hatte. Mit seinen beharrlichen Invektiven gegen die Kolonisierung der neuen Länder ging er all jenen zuverlässig auf die Nerven, die das moralische Engagement der Intellektuellen für unzeitgemäß erklärt hatten. Sein Roman "Ein weites Feld" wurde mit so viel Hass verrissen wie keines seiner Bücher zuvor. Selbst die Nobelpreisverleihung wurde leise murrend mit dem Hinweis kommentiert, sie käme vierzig Jahre zu spät.

  Seit vierzehn Tagen aber, seit der Steidl-Verlag die Sperrfrist für die Novelle "Im Krebsgang" aufgehoben hat, weil die Sturzflut der Rezensionen nicht länger aufzuhalten war, darf, ja muss gelobt werden. Die kollektive Euphorie erlaubte allenfalls

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