Streifenweise

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 09/02 vom 27.02.2002

Wäre "From Hell", eine lose Adaption von Alan Moores monumentalem "Jack the Ripper"-Comic gleichen Titels, vor dreißig Jahren auf die Kinosäle losgelassen worden, hätte der Film des Brüderpaars Alan und Albert Hughes ("Menace II Society") zweifellos Kultstatus erlangt: Die Cinemascope-Fotografie schrammt am untersten Ende der Lichtskala entlang (ein Verdienst des "Mulholland Drive"-Kameramanns Peter Deming), die Sets versprechen nebliges, viktorianisches Grauen, und die Figuren des Films sind entweder prächtige irische Huren, nervenkranke Irrenärzte oder dekadente Opiumraucher. Dass "From Hell" augenzwinkernd an die sündigen Freuden der britischen "Hammer"-Filme der Sechziger- und Siebzigerjahre erinnern will, steht außer Frage; dass ihm das nur recht selten gelingen will, steht auf einem anderen Blatt.

  Was bleibt also? Ein recht konventioneller Serienmörderthriller, der eher an den "Akte X"-Ableger "Millennium" als an Moores epochales Comicbuch erinnert. Von diesem übernimmt der Film die Rahmenhandlung der Ripper-Morde plus einer paranoiden Tätertheorie, die bereits Mitte der Achtzigerjahre von dem Journalisten Stephen Knight in "The Final Solution" aufgebracht wurde. Wer weder das eine noch das andere Buch kennt, kann an dem mauen "Whodunit"-Plot des Filmes kiefeln - ungleich lustiger ist es aber, Johnny Depp bei einer weiteren Interpretation seines liebsten Rollenfachs der letzten Jahre zuzusehen: Depp als Depp, mit langem Haar und Schlafzimmerblick, immer den Absinth und die Morphiumtropfen in Reichweite, ist so ziemlich der unglaubwürdigste Polizeibeamte seit Inspektor Clouseau. "Eines Tages wird die Menschheit zurückblicken und sagen, dass ich das 20. Jahrhundert ins Leben gerufen habe", deklamiert feierlich der Ripper. Und Johnny schaut ihn traurig an.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige