Fragen Sie Frau Andrea: Lange Lüsse

Stadtleben | aus FALTER 09/02 vom 27.02.2002

Geehrte Frau Andrea!

Eigentlich hätten Sie ja schon meine erste Wahl sein sollen, aber ich wende mich an Sie als meine letzte Hoffnung. Ich wohne nicht weit von der Straßenbahn-Station der Linie 38 und der gleichnamigen Gasse "An den langen Lüssen". Nun konnte mir noch nichts und niemand Auskunft darüber geben, worum es sich bei "Lüssen" handelt und wie der Singular von ebendiesen zu nennen wäre. Ich bitte um Aufklärung, da ich mir nahezu täglich beim Aussteigen aus der Bim den Kopf darüber zerbreche.

Mit herzlichem Dank im Voraus, Thomas Schuheker, Wien 19

Lieber Thomas,

gerne saniere ich Ihren täglich zerbrochenen Kopf. Die rätselhafte Gasse im 19. Bezirk, zwischen Grinzinger Allee und dem Friedhof des Weinortes aufgespannt, birgt einen alten Flurnamen. Eine "Luss" oder mehrere "Lüsse" bezeichnen Grundstücke, die ein Grundherr dem Lehenbauern durch Losentscheid zuteilen ließ, um den Anschein der Bevorzugung zu vermeiden. Beispiele solcher Ackernamen sind Kirchenlüsse (Fluren, deren Zehent der Pfarre abgeliefert werden musste), an Hängen liegende Berglüsse oder zur Rodung erworbene Reitlüsse. Die "Langen Lüsse" sind oder waren eine Reihe langer Felder oder Weingärten. Lange Lüsse mit ganz anderem Inhalt gibt es an der Grenze zur Slowakei. Im Überschwemmungsgebiet der March, nahe dem Bahnhof Marchegg, gibt es Lange Lüsse, die von Zoologen ganz aufmerksam untersucht werden. Sie beherbergen die seltenen conchostraken Urzeitkrebse. Die etwa einen Zentimeter langen Muschelschaler treten seit dem Silur in unveränderter Gestalt auf und gelten als lebende Fossilien. Wenn sie nicht faul im Schlamm liegen, schwimmen sie mit dem Rücken nach oben durch die feuchten Lüsse, wobei ihnen das Rudern mit den Antennen einen nicht unösterreichischen Schwimmstil verleiht.

Schreiben Sie Frau Andrea: dusl@falter.at; und besuchen Sie:


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