Sideorders: Dossier: Absinth

Stadtleben | aus FALTER 09/02 vom 27.02.2002

Sozusagen erfunden haben diesen eher kräftigen Kräuterlikör mit Auszügen aus Wermutöl und anderen Kräuter- und Wurzelextrakten die Schwestern Henriot aus der Schweiz Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie verkauften die Rezeptur dann an Pernod, der den Drink mit Anis anreicherte. Wirklich erfolgreich und zur Kultdroge wurde der Absinth dann erst später, die Kombination von äußerst hohem Alkohol (bis 70 Prozent!), mieser Qualität (Fuselöle, Methylalkohol etc.), niedrigem Preis und dem sagenumwobenen Wirkstoff aus der Wermutpflanze Thujon sorgte für bedenkliche Zustände in den Städten, mit dem Effekt, dass Absinth verboten wurde. Ganz verschwand er freilich nie, in Spanien und Portugal wurde fleißig weitergemischt, auch von unglaublichen Absinth-Räuschen in abgelegenen Tälern der Schweiz wurde immer wieder berichtet. Und auch aus Tschechien tauchten immer wieder zweifelhafte Grünliköre auf.

1998 wurde das Verbot jedenfalls wieder aufgehoben, Thujon darf bis maximal 40 mg/Liter enthalten sein. Mit dem Effekt, dass in Berlin und London ein Hype sondergleichen losbrach und sich die Trendkids den bunten Likör in den Clubs und in speziellen Bars auf die fantasievollsten Arten und Weisen einverleibten. Was wahre Kenner freilich mit Verachtung quittieren, die lassen sich das trübe Gebräu nicht durch Zucker, Energydrink oder Champagner verhunzen. Auch in Wien wird übrigens seit kurzem ein Absinth gebraut, und zwar im Schnapsmuseum - mit extrem hohem Thujon-Wert und ohne Anis -, gut schmeckt er freilich nicht. Die Wirkung von Absinth sollte man übrigens nicht unterschätzen: Ob nun Thujon oder nicht - der Selbstversuch erbrachte einen ziemlich speziellen Rausch und Schwindelgefühle bis zum Nachmittag des Folgetages. Genau. F. H.


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