"Lieder sind keine Songs"

Kultur | CARSTEN FASTNER | aus FALTER 10/02 vom 06.03.2002

MUSIK. Der englische Tenor Ian Bostridge, der dieser Tage in Wien gastiert, gehört zu den herausragenden Lied-Interpreten der jüngeren Generation. Mit dem "Falter" sprach er über den Vorteil der deutschen Sprache, über Sänger-Egoismus, Popmusik und seine Liebe zum Studio. 

Mal steht der junge Mann an einen Baum gelehnt, mal sitzt er auf einer verwitterten Treppe; blass, ernst und nachdenklich blicken die wasserhellen Augen aus dem langen Gesicht; schmal ragt die hagere Gestalt aus übergroßen Rollkragenpullovern oder Sakkos. Die Porträtfotos auf den CDs von Ian Bostridge könnten ebenso gut den Kopf einer intellektuellen Softie-Band aus Nordengland zeigen wie einen schüchternen Poeten aus Berlin-Mitte.

  Doch Ian Bostridge ist Sänger, Tenor genau genommen, und der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem Lied. Dem "klassischen" (eigentlich romantischen), klavierbegleiteten Kunstlied: jener Gattung also, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts - vor allem durch Franz Schuberts geniale

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