SPIELPLAN

Kultur | STEPHAN HILPOLD | aus FALTER 10/02 vom 06.03.2002

Gegen Museen ist im Prinzip nichts einzuwenden. Wenn allerdings das Theater zum Museum wird, dann läuft irgendetwas falsch: Tote und lebendige Materie haben die Plätze getauscht. Im Ensemble Theater am Petersplatz hat sich der lang gediente Hausherr Dieter Haspel eines halb vergessenen Stücks von Eugene O'Neill angenommen: eines nicht gänzlich uninteressanten Einakters. Das Kammerspiel "Hughie" verhandelt die Lebenstragödien zweier abgehalfterter Typen aus der Gosse. Sein und Schein, Katastrophe und Katharsis liegen in dieser Ibsen-Etüde eng nebeneinander. Konkret: O'Neills moderne Tragödie schnurrt in der verkommenen Lobby eines drittklassigen New Yorker Hotels ab. Zeit: irgendwann weit nach Mitternacht.

  Der Zocker Erie, im Ensembletheater von Heinz Weixelbraun mit großen Standardgesten und raumgreifendem Bewegungsrepertoire gemimt, spielt sich vor dem neuen Nachtportier als gerissener Spieler auf. Brustschlagend bläst er seine Lebenslügen zu riesigen Seifenblasen auf, heuchelt und blufft und vergießt bittere Tränen für des Nachtportiers Vorgänger: dessen gerade verstorbenen Hughie, dem idealen Zuhörer und dumpfen Mitverschwörer. Dem neuen Nachtportier des Gunther W. Lämmert, der bezeichnenderweise ebenfalls Hughie heißt, bleibt angesichts dieser One-Man-Show nur mehr die Statistenrolle: Er tritt in Haspels nostalgischem Bühnenbild von einem Fuß auf den anderen.

  Die Fallhöhe angesichts dieses mit wildem Gefuchtel und B-Movie-haftem Pathos in die Luft gezeichneten Lebens ist beträchtlich. Vor allem jene der Inszenierung: Wie schon bei Haspels letzter O'Neill-Gedenkveranstaltung ("Gier unter Ulmen") wird der Nobelpreisträger auf einen Sockel gehievt und als museales Ausstellungsstück präsentiert, anstatt endlich abgestaubt zu werden. So kompakt wie in "Hughie" sind die Illusionen des American Way of Life selten Fleisch geworden. So fleischlos wie im Ensembletheater hat man sie noch selten gesehen.


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