KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 12/02 vom 20.03.2002

Albrecht Dürers rätselhafter Stich "Melencolia I" von 1514 zeigt eine große, geflügelte Gestalt, die an einer Mauer sitzt. Den Kopf schwer auf den Arm gestützt, hält sie lose einen Zirkel in der Hand. Zu ihren Füßen liegen eine Kugel und eine Menge an Geräten wie Hobel, Säge und Lineal; im Hintergrund hängen Waage und Sanduhr. Im Verlauf der Kunstgeschichte hat Dürers allegorische Komposition zahllose Deutungen gefunden. Immer wieder wurde aber auch gerade die prinzipiell unabschließbare Interpretierbarkeit als die Modernität des Kunstwerks gelobt.

In der Ausstellung "Aua Extrema II" (bis 4.5.) von Björn Dahlem klebt dieses Sinnbild für Melancholie in Kunst und Wissenschaft nun auf einer von vier Schallplatten, die der Künstler auch mit geometrischen Zeichnungen bedeckt hat, und fungiert als ziemlich perfekter Schlüssel für die Herangehensweise des 1974 geborenen Künstlers: Erkenntnisse und Gesetze der Naturwissenschaften behandelt Dahlem als Konstruktivismen und münzt den Willen zu wissen in den Wunsch, etwas Neues zu (er-)finden, um. So steht am Eingang der Kerstin Engholm Galerie eine große Null aus Styropor, deren Existenz ja als prekäres mathematisches sowie philosophisches Problem gilt. Eskapismus und Kurgedanke verbinden sich in einem turm- bzw. raketenartigen Holzgerüst mit Neonröhren, in dessen Mitte Flaschen mit einer gelben Flüssigkeit - Kamillentee - aus einem Topf nach oben wandern.

Dominiert wird der Galerienraum jedoch von einer fragilen Konstruktion aus Styropor, Holz und Teppichen, der "Kalten Schulter": zum Anlehnen ähnlich ungeeignet wie viele alte und neue Erklärungsmodelle für Schwermut.


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