STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 12/02 vom 20.03.2002

Philosophisch gesprochen ist mein Standpunkt im Leben extrem anarchistisch: Ich bin ein absoluter Individualist, und um die Wahrheit zu sagen, will ich weder ,links' noch ,rechts' sein. (...) Sagen wir, ich bin ein Anarcho-Feudalist." Jean-Pierre Melville, dem sich die aktuelle Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums widmet, war ein Meister der Inszenierung und Meister der Selbstinszenierung: Sonnenbrille und Stetson zählten zu seinen Markenzeichen; sein Studio verließ der "Chronist und Ästhet der Unterwelt" zumeist erst nach Sonnenuntergang, um in seinem amerikanischen Wagen kreuz und quer durch Paris zu fahren. Der erste seiner Filme, den er selbst gelten ließ, heißt "Das Schweigen des Meeres" (1949), einer seiner letzten "Armee im Schatten" (1969): Ort aller 13 Filme, die er gedreht hat, ist die Stille der Nacht.

  Melville, geboren 1917 als Jean-Pierre in Paris Grumbach und 1973 ebendort gestorben, gilt als erster auteur complet des französischen Kinos, als "totaler Filmemacher": Produzent, Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion (der gelegentlich auch noch sein eigener Kameramann und Hauptdarsteller war). Chabrol, aber vor allem Godard, in dessen "Außer Atem" er eine kleine Rolle übernahm, sahen in ihm den Vater der Nouvelle Vague, doch Melville selbst blieb immer ein "Klassizist". Anders als die gefallenen Helden seiner Filme (u.a. Jean-Pierre Belmondo in "Der Teufel mit der weißen Weste", Lino Ventura in "Der zweite Atem" oder Alain Delon in "Der eiskalte Engel"), deren Individualismus auf nichts mehr basiert, beruhte Melvilles professionelles Selbstverständnis auf einem unverrückbaren Fundament: dem klassischen Hollywoodkino der Vierzigerjahre.


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