STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 13/02 vom 27.03.2002

Am 20.8.1912 notierte Franz Kafka seinen Eindruck eines Treffens mit "Fräulein F. B." im Haus Max Brods: "Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse (...) Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum ersten mal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil."

  Die solchermaßen bedachte junge Frau, die Stenotypistin Felice Bauer, sollte über Jahre hinweg Objekt heftiger Anziehung und Abstoßung für den Beamten und Schriftsteller aus Prag sein - als seine ferne Verlobte, eine Projektionsfläche für angstvolle Fantasien über die Menschheit im Allgemeinen (und Frauen im Besonderen) und nicht zuletzt als allegorische Figur im Kosmos seines Schreibens selbst. Christian Froschs "K.aF.ka Fragment" setzt genau hier an: Keine Biografie einer Mann-Frau-Beziehung ist es geworden, sondern mehr eine knapp neunzigminütige, assoziative Reise durch ein geplagtes Hirn, die beständig um das Moment des Schreibens, der Verdichtung und Verschiebung von Erfahrungsmaterial in nur schwer lesbare, deutlich surreal inspirierte Tableaus kreist.

  Was den Film empfiehlt, sind mit Sicherheit weder sein theatralisches Schauspiel (Ursula Ofner, Lars Rudolph) noch seine symbolistischen Einfälle (die hart am Kunstgewerblichen entlangschrammen). "K.aF.ka Fragment" entfaltet seinen Reiz am ehesten noch in der nervösen, mit großer Liebe zu Materialität und Filmkorn gestalteten Super-8-Fotografie - eine Spezialität des Kameramanns und Produzenten Johannes Hammel, dessen Förderung spröder, experimenteller Filme unter anderem auch Michael Palms Diagonale-Preisträgerfilm "Sea Concrete Human" mit ermöglicht hat. Was "K.aF.ka Fragment" zuletzt produziert, sind Ratlosigkeit, Leere, Repetition: Ob dies sein ultimatives Versagen oder seine größte Leistung ist, überlässt er geschickterweise seinem Betrachter.


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