SPIELPLAN

Kultur | PETRA RATHMANNER | aus FALTER 13/02 vom 27.03.2002

Na klar, die Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise" hat dieser Tage Hochkonjunktur als Vorzeigestück der Toleranz im Umgang mit Religion. Das hat man im Volkstheater ganz klar erkannt, und man vergisst auch nicht, im Programmheft aus Huntingtons "Kampf der Kulturen" zu zitieren. Endlich wieder eine "wichtige" Botschaft! Die gute Absicht bloß nicht mit originellen Einfällen verbauen, dürfte sich Regisseur Hans Escher gedacht haben - und geht ganz seriös zur Sache. Die Bühne sieht aus wie ein Zimmer einer renovierungsbedürftigen Altbauwohnung und ist mit fernöstlichen Diwanen bestückt. Die Kostüme verweisen auf die Religionszugehörigkeit der Figuren: Der Bischof trägt eine pinkfarbene Sutane, die Burka darf nicht fehlen, und der Jude Nathan trägt einen Businessanzug. Das Ensemble spielt solide, Thomas Stolzeti gibt einen souveränen Nathan, Günter Franzmeier glänzt als jovialer Sultan Saladin, die Pointen sind gut gesetzt, und dennoch prallt das Stück an einem ab: Es ist derart vorhersehbar, dass es einen nicht zu berühren vermag.

  Etwas stimmt auch bei "Glückliche Tage" im Akademietheater nicht. Obwohl auf den ersten Blick alles richtig ist: Die Bühne ist eine Dünenlandschaft, dahinter ein blassblauer Himmel. Winnie (Jutta Lampe) ist bis zur Taille in ihrem Erdhaufen gefangen und erschafft mit ihrem Monolog eine Welt en miniature. Sie folgt in ihren Bewegungen bis ins kleinste Detail den Regieanweisungen Becketts, der jede Geste festgeschrieben hat. Ihr ganzes Können entfaltet sich, wenn sie im zweiten Akt, bis zum Hals eingegraben, nur mehr ihr Gesicht einsetzen kann, die Backen bläht, die Nase rümpft und mit den Augen rollt. Im Sprechen schweigen, das fordert Beckett von seinen Figuren wie kein anderer, indem er gerade ihre Geschwätzigkeit vorführt. In Winnies nicht enden wollendem Geplapper steckt auch etwas Gnadenloses. Das fehlt an diesem Abend, der einfach zu schön ist.


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