POLITISCHES BUCH: Schüler Eckfelds Aufzeichnungen

Politik | aus FALTER 14/02 vom 03.04.2002

Es war ein ambitioniertes Schulprojekt. Der Historiker Martin Krist wollte mit den Schülern der Gymnasiumstraße die Vergangenheit der Schule zwischen 1938 und 1945 erforschen. Dabei stieß man auf Reinhold Eckfeld, der ab dem Schuljahr 1931/32 das Gymnasium in Döbling besuchte und nach Australien flüchten musste.

  Am 29. April 1938 wurde der damals 17-jährige Eckfeld gemeinsam mit 103 anderen jüdischen Mitschülern aus der Schule ausgeschlossen. Martin Krist gelang es durch Vermittlung des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus, brieflichen Kontakt zu Eckfeld zu knüpfen. Eckfeld, so erinnert sich Krist, "war wie viele Emigranten, die 60 Jahre lang nichts aus Österreich gehört hatten, zunächst zurückhaltend". Doch er fasste Vertrauen zu den Schülern und stellte einen jener seltenen Augenzeugenberichte zur Verfügung, in denen er seine Erlebnisse, seine Misshandlungen und Erniedrigungen in der Novemberpogromnacht und seine Flucht vor dem Nazi-Terror schildert.

  Eckfeld, der seinen Bericht in einem australischen Internierungslager niederschrieb und heute in Melbourne lebt, illustriert darin, wie seine eigenen Mitschüler plötzlich in SS-Uniformen vor ihm standen, er beschreibt die Gespräche von österreichischen Beamten, das Gejohle der Wiener, die Gespräche in den Schlangen vor den Schaltern der Auswanderungsbehörden.

  "Dass so gut wie alle Beamten, alle Polizisten und SS-Männer, die diese Menschen quälten, Österreicher waren, zeigt, wie brüchig der nach 1945 vom offiziellen Österreich lange vertretene Mythos von Österreich als erstem Opfer der Nazis war", schreibt Historiker Krist im Vorwort zu den Aufzeichnungen. Sie werden am 10. April im Jüdischen Museum der Stadt Wien in Buchform präsentiert.

F. K.

Reinhold Eckfeld: Letzte Monate in Wien. Aufzeichnungen aus dem australischen Internierungslager 1940/41. Herausgegeben von Martin Krist. Wien 2002 (Turia+Kant), E 10,-


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