KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 15/02 vom 10.04.2002

Was ist eigentlich eine Kulturnation? Hat der Begriff nicht etwas Tautologisches an sich? Oder setzt er gar so etwas wie eine Nation der Barbaren voraus? Das Symposium "Kulturnationen. Klischess zur Konstruktion nationaler Identität" im Depot nimmt sich dieses Themas an und lässt in einer Art Ländermatch Referenten gegeneinander antreten (12. bis 20.4.). So "vertritt" etwa der in Göttingen lehrende Professor für internationale Beziehungen Bassam Tibi seine Heimat Syrien, die Kulturanthropologin Annamaria Rivera Italien und der NZZ-Redakteur Christophe Büchi die Schweiz. Insgesamt fünfzehn nationale Klischees sollen zerpflückt werden, nur für Österreich hat man niemand eingeladen. Das verwundert, trägt man doch gerade hierzulande gerne die Kultur als Banner gegen jedwede Art von Vorwürfen auf der Brust trägt.

  Im Umfeld von visueller Poesie und Performance-Art entstand zwischen 1964 und 1976 das Werk der Konzeptkünstlerin Ketty La Rocca. Die Kunsthallen-Ausstellung "Auf den Leib geschrieben" zeigte bereits 1995 einige Arbeiten der 1976 im Alter von nur 38 Jahren verstorbenen Italienerin; nun präsentiert die Galerie Georg Kargl einen Querschnitt durch ihr Werk (bis 11.5.). Im Mittelpunkt von La Roccas Arbeit steht die Untersuchung von verbaler und nonverbaler Kommunikation sowie die Grenzen der Zeichen, durch die wir uns verständigen. Gegenstand visueller Erforschung bildet dabei ebenso das intime Verhältnis zum eigenen Körper und zum anderen, wie auch die gesellschaftliche Verhandlung von Kunst. So mahnen beschriebene Röntgenbilder an die Krankheit und Todesgedanken der Künstlerin; von den Hoffnungen und Ängsten der Liebe sprechen La Roccas Fotografien "You You", die zwei sich umfassende Hände zeigen, deren Lebenslinien und Handrücken mit Text bedeckt sind; und die impliziten sozialen Übereinkünfte, die das moderne Kunstwerk definieren, tauchen in "Reduzione (La Galleria)" als unlesbarer Text auf.


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