STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 17/02 vom 24.04.2002

Das Motiv der Zeitreise wird traditionell gerne bemüht, um im Lichte vergangener oder zukünftiger Welten erst recht von der Gegenwart zu sprechen: So auch in zwei sehr unterschiedlichen Filmen, die kommende Woche zur Aufführung gebracht werden.

  In "Kate & Leopold" (Regie: James Mangold) verschlägt es den viktorianischen Baron Leopold von Albany (Hugh Jackman) aus dem New York von 1876 ins zeitgenössische Manhattan. In Folge verliebt er sich in die gestresste Karrierefrau Kate (Meg Ryan), die letztendlich Ambition und Beruf sausen lässt, um ihm ins 19. Jahrhundert zurückzufolgen. Was lernen wir über die Gegenwart? Zum Beispiel, dass sich auch verbissene Großstadtzicken "heimlich nach Erfüllung sehnen" (Presseheft).

  "Die vom 17er Haus", ein österreichischer Kurzspielfilm von 1932, benutzt seine futuristische Exposition, um eigentlich über das "Rote Wien" der Dreißigerjahre zu sprechen. Im Jahr 2032 steht die Wiener Skyline voller Wolkenkratzer (ganz klein mittendrin: der "gute alte Steffl"), und ein alter Mann erzählt seinem Enkerl von jenen Zeiten, als der Sozialismus sich an die Überwindung des Bürgertums machte. "Kleiner roter Ziegelstein baut die große Welt"; singen die Arbeiter; Karl-Marx-Hof, Stadion, Strandbäder, Kindergärten und Krankenhausbauten zeugen von sozialem Fortschritt, während im Wirtshaus die Korpsbrüder, Austrofaschisten und NS-Parteigänger grölend das Krügerl schwingen. "Und wie sind denn die Wahlen dann ausgegangen?", fragt der Bub, um gleich selbst zu antworten: "Seids gescheit, wählts sozialistisch!" Zu sehen ist der Wahlwerbefilm des späteren Exilanten Artur Berger - eine Skurrilität, die dennoch Zeugnis für den Einfluss des sowjetischen Revolutionsfilms auf die Internationale ablegt - zwischen 1. und 4. Mai im Rahmen von "Das Rote Wien. Wien zwischen dem Ersten Weltkrieg 1918 und dem Bürgerkrieg 1934" in der Stöbergasse.


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