VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 18/02 vom 01.05.2002

... empfahl Mischa Jäger das Buch "Georg Büchner - Dantons Tod. Die Trauerarbeit im Schönen" von Peter von Becker.

Neunzehnneunundsiebzig sorgte der Marburger Germanist Thomas Michael Mayer durch die Entdeckung Tausender verloren geglaubter Dokumente und die darauf gründende Publikation zahlreicher neuer Forschungsergebnisse über Leben und Werk Georg Büchners nicht nur in der literaturwissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit für - akademische - Unruhe: Mayers Untersuchung richtete sich vor allem gegen die ideologisch motivierten Fehldeutungen und Verfälschungen der Entstehungsgeschichte von "Dantons Tod" und erbrachte den nachhaltigen Beweis, dass Büchners dramatische Studie der Französischen Revolution sich weder als prämarxistische Revolutionspädagogik vereinnahmen noch den - zahlenmäßig zweifellos überwiegenden - konservativen Interpretationsschemata angleichen lässt, deren Vertreter den "Danton" als nihilistisches Heldenepos eines melancholischen Pessimisten oder melancholisches Heldenepos eines nihilistischen Pessimisten bzw. pessimistischen Nihilisten - kurz als bürgerliches Rührstück reklamierten.

  Die Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit des Büchner'schen Erstlingswerkes im Lichte dieser neuen Erkenntnisse auf verschiedenen Ebenen zu dokumentieren, zu entfalten und zu vertiefen, ist das Verdienst des vorliegenden Werkes (Untertitel: "Ein Theaterlesebuch").

  Ein neues Buch über ein altes Stück. Ein gutes Buch. Weil es den Blick schäft für eine in der Tat neue, das heißt genaue und differenzierte Art, dieses Stück zu lesen - fern jenes gymnasialen Deutungplunders mit "Tag der Fahne"-Geschmack, mit dem man uns kleine 16-Jährige noch 1967 anlässlich eines unterrichtsmäßig verordneten Besuchs einer "Danton"-Inszenierung von Schenk Otti traktierte.


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