AUSGEBACKEN?Anker schließt 97 Filialen

Stadtleben | aus FALTER 18/02 vom 01.05.2002

Noch im Laufe dieses Jahres schließt Anker 97 seiner fast 300 Filialen. Durch den Verzicht auf unrentable Standorte, kleine und unmoderne Geschäfte soll die zum deutschen Müller-Konzern gehörende Wiener Großbäckerei aus den roten Zahlen kommen, heißt es aus der Firmenleitung. So gesehen geht es Anker nun ähnlich wie vielen Kleinbetrieben, die in den vergangenen Jahren mangels Kundschaft ihre Betriebe zusperren mussten. Setzt nach dem "Bäckersterben" das "Anker-Sterben" ein? Nein, meint die Konzernleitung. Jährlich sollen in Wien 15 neue Outlets aufsperren, investiert werde in gut frequentierte Standorte.

  "Der Anker hat den kleinen Bäckern eigentlich nie geschadet", sagt Kommerzialrat Helmut Kaiser von der Landesinnung der Wiener Bäcker. Durch ihre Hochpreispolitik habe die Großbäckerei trotz der vielen Standorte daher keine Schuld am großen Bäckersterben, das Anfang der Neunzigerjahre einsetzte. Gab es in Wien damals noch 750 Bäckereien, so wird heute nur noch in rund 130 Kleinbetrieben gebacken. Bäcker-Chef Kaiser führt das einerseits auf die oft schlechten Standorte der Handwerksbetriebe zurück, andererseits aber auch auf das mangelnde Qualitätsbewusstsein der Kundschaft: "Brot hat nicht mehr den Stellenwert, den es einmal gehabt hat. Ich glaube, dass für viele Leute Brot nur noch dazu da ist, dass sie sich die Finger nicht fettig machen beim Wurstessen." Einmal habe er beim Vollkornbrot das Salz vergessen, erzählt Kaiser. Hundert Brote seien verkauft worden, sechs Kunden hätten angerufen und zehn Brote seien zurückgeschickt worden. "84 Kunden haben das ungesalzene Brot gegessen, ohne es wahrscheinlich überhaupt zu merken." Wegen besonders guter Qualität würde niemand mehr einen Umweg machen und einen kleinen Bäcker irgendwo in einer Seitenstraße aufsuchen. Dass sich jetzt Großbäckereien wie Ströck hochfrequentierte Standorte wie U-Bahn-Stationen gesichert haben, hält Kaiser für deren großen Vorteil. "Der Ströck kann ein Vorbild sein."


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