Fragen Sie Frau Andrea: Tramway to Hell

Stadtleben | aus FALTER 19/02 vom 08.05.2002

Liebe Frau Andrea,

woher kommt - Ihrer geschätzten Meinung nach - die intimsphärenverletzende Dummfrage "Steigen Sie aus?", wie man sie leider viel zu oft in Bussis und Straßenbahnen hört. Mir ist nämlich keineswegs klar, warum ich anderen, wildfremden Menschen Auskunft über meine Destinationen geben sollte.

  Mit dieser dämlichen Frage konfrontiert, habe ich schon einige unangenehme Erfahrungen gemacht. Ein z.B. Schweigen meinerseits wurde mit extrem "goscherten" Bemerkungen quittiert. Weiters überlege ich, in Hinkunft als Antwort auf diese Frage das Statement "Nein, ich steige nicht aus, sondern bleibe hier stehen, um Sie am Verlassen des Zuges zu hindern" abzugeben. Liebe Frau Andrea: Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten? Und warum bringt mich diese Aussteigen-Frage jedes Mal im berühmt-berüchtigten Null-Komma-Nichts von null auf hundertachtzig?

  In der Hoffnung, dass Sie mir nachfühlen und vielleicht auch helfen können, ergebenst,

Ihr Gerhard Pichler

Lieber Gerhard,

die inkriminierte Unsitte kenne ich schon, seit ich ein Kind war. Damals trat sie stets gepaart mit der Schelte älterer Damen mit Seppelhut auf, Kindern, die es wagten, einen Sitzplatz zu benutzen, mit einem zornig gehauchten "Schämst dich nicht?" zuzusetzen. Die Ungustlfrage "Tschulligen, stegen Si os?" scheint so alt zu sein, wie das Straßenbahnfahren selbst, und ich versichere Sie in dieser Frage meiner allergrößten Solidarität. Die von Ihnen vorgeschlagenen Antworten und Reaktionen begrüße ich sehr. Auch ein kryptisches "Man wird sehen" oder ein gefährlich mit den Zähnen geknirschtes "Sie müssen mir Zeit geben" lohnen die Mühe. Idiotenantworten wie "Ich bin neu hier, wie geht das?" und "Ich steige grundsätzlich nicht aus" kann man auch immer gut gebrauchen.

Schreiben Sie Frau Andrea: dusl@falter.at; und besuchen Sie:


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