Aufgeblättert

Kultur | KLAUS TASCHWER | aus FALTER 20/02 vom 15.05.2002

Der Mann hatte zweifellos ein mehr als gesundes Selbstbewusstsein - was sich nicht unbedingt negativ auf sein Schreiben auswirkte. Die ersten Einträge seines über siebzehn Jahre währenden Tagebuchs sind jedenfalls legendär: "Montag Ich. Dienstag Ich. Mittwoch Ich. Donnerstag Ich." Witold Gombrowicz (1904-1969) heißt der Egomane, dessen Werk als Polens wichtigster Beitrag zur Weltliteratur im zwanzigsten Jahrhundert gilt - auch wenn er fast die Hälfte seines Lebens fernab von der Heimat verbrachte: Zwischen 1939 und 1963 lebte der Ex- und Egozentriker nämlich im argentinischen Exil, wo er 1953 auch mit seinem Tagebuch begann.

  Hans Magnus Enzensberger, Spiritus Rector der "Anderen Bibliothek", hat kürzlich eine auf ein Drittel destillierte Auswahl aus dem über tausendseitigen Original herausgebracht und mit dem treffenden Titel "Sakrilegien" versehen. Denn heilig war Gombrowicz ganz und gar nicht. Alle kriegen sie ihr Fett ab, so auch seine Landsleute, ein halbes Jahrhundert vor Polens möglichem EU-Beitritt: "Wie ärgerlich, dass unsere Einstellung zum Westen so unklar ist! Mit der Welt des Ostens konfrontiert, ist der Pole genau definiert und von vornherein bekannt. Steht er aber mit dem Gesicht nach Westen, schaut er trübe aus den Augen und ist voll unklaren Zorns, Misstrauens und geheimen Ärgers."

  Jorge Luis Borges oder Jean-Paul Sartre waren ihm ebenso Grund zum Ärgernis wie der akademische Betrieb: "Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten bersten vor schwergewichtigem Professorenblödsinn. Delenda est Carthago. Kaputtmachen!" Konsequent immerhin, dass er sich selbst von seinem grandiosen Spott nicht ausnahm: "Meine Überheblichkeit ist fast schon krankhaft. Ich fürchte allmählich, die Feuilletonisten werden mir die verdienten Prügel verabreichen."

Witold Gombrowicz: Sakrilegien. Aus den Tagebüchern zwischen 1953 und 1967. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt/Main 2002 (Eichborn / Die Andere Bibliothek). 363 S., E 28,30


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