STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 21/02 vom 22.05.2002

Seine Filme sind simpel, aber nie simplizistisch." Sagt François Truffaut über Samuel Fuller (1911-1997), Regisseur Dutzender B-Filme, deren roher, plakativer Stil Generationen junger Filmemacher (darunter Godard, Jarmusch und Wenders) inspirierte. Ab Freitag zeigt das Stadtkino mit "The Naked Kiss" (1964) ein Hauptwerk Fullers in einer neuen, deutsch untertitelten Kopie.

  Die Eröffnungssequenz ist berühmt: In verwackelten Bildern und zu den ekstatischen Klängen eines Saxophons verprügelt eine hoch gewachsene Blondine (Constance Towers) einen offensichtlich alkoholisierten Mann. Er greift nach ihr, reißt ihr die (falsche) Haarpracht vom Kopf, um einen kahl rasierten Schädel zu enthüllen. Die Frau ist eine Prostituierte, heißt Kelly und taucht wenig später in der Bilderbuchstadt Grantville auf, um ein neues Leben zu beginnen. Was sich als beinahe unmöglich erweist: Der örtliche Polizist erkennt sie bereits auf den ersten Blick als Käufliche und wird zu ihrem (wenn auch letzten) Kunden; auch entpuppt sich ihr Traummann, der reiche Junggeselle und Wohltäter Grant (nach dem im korrupten Universum Fullers gleich die ganze Stadt benannt ist), als Hüter eines dunklen Geheimnisses.

  "The Naked Kiss" variiert, in knapp neunzig Minuten Laufzeit, etliche Genres. Was als urbaner Thriller beginnt wird zum Kleinstadt-Melodram, bis die letzte halbe Stunde (inklusive einer delirierenden, perversen Enthüllung) Elemente des Film noir bemüht: Ein düsteres Sittenbild kleinbürgerlicher Doppelmoral und sexueller Gewalt, effektiv inszeniert und unterstrichen durch die sichere Schwarz-Weiß-Fotografie des großen Stanley Cortez ("Night of the Hunter", "The Magnificent Ambersons").


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