STREIFENWEISE

Kultur | MAYA MCKECHNEAY | aus FALTER 23/02 vom 05.06.2002

Wirklich originell ist er nicht, Alexandre Dumas' "Der Graf von Monte Christo"(1844/45): Liebe, Geheimbotschaften, Fechtduelle, Schatzkarten, Staatsintrigen, Freundesverrat und schließlich Rache - alles gewohnte und Hunderte Male gebrauchte Versatzstücke aus dem Fundus des Abenteuerromans. Trotzdem gehört dieser Stoff zu den meistgelesenen und vor allem zu den meistverfilmten überhaupt - zuletzt waren es Richard Chamberlain (in der TV-Verfilmung von 1975) und Gérard Depardieu (im Euro-TV-Mehrteiler von 1998), die dem Titelhelden ihr Gesicht liehen. Die Ursache für den Erfolg der Vorlage ist dabei wohl darin zu sachen, dass der Zeitraum von 13 Jahren, während dem Edmond Dantés, der spätere Graf von Monte Christo, unschuldig im Kerker sitzt, die althergebrachten Motive von "Verrat" und "Rache" eine gewisse Plausibilität und Fallhöhe verleiht.

  Kurz gesagt - diese Geschichte erzählt von der Macht der Dauer, und darum ist es wirklich schade, dass Regisseur Kevin Reynolds ("Waterworld", "Robin Hood - König der Diebe") gerade mit diesem Begriff so wenig anfangen kann. Seine "Montecristo" buchstabierte Kinoversion ist selbst gefangen in einer strikten Erzählökonomie, nichts ist zufällig, nichts beiläufig und kein Moment dauert länger, als zu seiner dramaturgischen Einordnung notwendig ist. Und so wird Titelheld Jim Caviezel aus den Armen der Geliebten weiter zum Racheschwur und schließlich ins große Degenduell mit dem Bösewicht (Guy Pearce) getrieben, während Schriftinserts ("3 Monate später"), ein in die Zellenwand geritzter Kalender oder der rapide Zuwachs an Gesichtsbehaarung Indiz genug sein müssen, dass mittlerweile einiges Wasser die Seine hinuntergelaufen ist. Für die eigentlich schönen, grotesken Momente der Erzählung, wie den Dialog zwischen Gefangenem und Gefängnisdirektor ("Ich bin unschuldig." - "Ich weiß. Alle hier sind unschuldig."), bleibt so leider viel zu wenig Zeit.


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