WM-Auskenner: In Hälfte zwei

Stadtleben | MARTIN AMANSHAUSER | aus FALTER 23/02 vom 05.06.2002

Alle jammern: die Beginnzeiten! Aber bei Skirennen regt sich auch keiner auf. Deprimierender ist, dass der ORF kaum Spiele überträgt und das als Riesenerfolg feiert. Überhaupt repräsentiert dieser Sender das wahre Grauen der WM. In der peinlichsten Sportredaktion Europas hat eine Schreckensmode Einzug gehalten: der militärische Kommandostil. "In Minute 69", hört man ununterbrochen - oder "in Hälfte zwei". Und was tun die Spieler? Sie "faitten" (engl. to fight), sie "rittern", sie hoffen, dass ihre Verteidigung "sattelfest" ist. Und auch wir Zuschauer faitten und rittern und sitzen sattelfest im Wettbüro vor grauslichen Morgenbieren - bäh! Einige der gefürchteten ORF-Höhepunkte gab es schon: etwa jener Reporter, der den Senegalesen El Hadji Diouf akustisch mit "a hatscherter Aff" wiedergibt, oder der andere, der im Brustton der Überzeugung verkündete: "Wir haben einige Bildausfälle, aber das liegt nicht in unserem Ermessen." Zusatztipp: Seeger wird garantiert wieder HEL-GUU-ERA sagen und "Viktor Bayer" statt Vitor Baía. Nach Deutschlands 8:0 hörte man sogar ernsthafte Analyse: "Auch Österreich darf ein bisschen Selbstvertrauen tanken." Das bezog sich auf "unser" 2:6 gegen Deutschland. Demnach würden wir die Saudis mit 4:0 schlagen. Ein Klassenunterschied!

Martin Amanshauser ist Autor. Zuletzt erschien: "NIL", Roman (2001), und "100.000 verkaufte Exemplare" (2002).


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