STANDPUNKT: Der Greifreflex

Politik | aus FALTER 24/02 vom 12.06.2002

Bei einer Razzia wird ein Mann, der in einem Auto sitzt, erschossen. Nicht absichtlich, sondern aus Versehen, bitte! Der Polizist verteidigte sich beim Prozess um den getöteten Imre B. vergangene Woche damit, dass er mit der einen Hand die Autotüre öffnen wollte und dabei in der anderen Hand einen so genannten "Greifreflex" verspürt und daher "willenlos" geschossen habe. Sein Finger, der natürlich vorschriftsmäßig "Finger lang" und daher nicht am Abzugsbügel der Waffe lag, muss dabei irgendwie abgerutscht sein. Beim Abrutschen hat er sich dann irgendwie so dumm gekrümmt, dass die Glock (blöderweise die mit Dienstmunition geladene Privatwaffe des Beamten) einen Schuss abgab. Beschuldigte dürfen so was erzählen. Doch wenn eine Bezirksrichterin so eine Geschichte auch noch "im Zweifel für den Angeklagten" glaubt und trotz einer Leiche versichert, "dass nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bewiesen werden kann, dass der Beamte den Finger am Abzug hatte", dann wird es ungemütlich. Ein Beamter hat seine Waffe so zu halten, dass sich kein Schuss löst. Wenn er das aufgrund eines "Ausbildungsmangels" (so der Verteidiger über den Polizisten mit 17 Jahren Erfahrung) oder "Hektik" (der Polizist) nicht kann, dann soll er Verkehr regeln. Muss er aber nicht. Ihm hilft der Hilfsreflex jener Richter, die einen "Herrn Inspektor" auch angesichts einer Leiche nicht strafen wollen. F. K.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige