WM-Auskenner: Dickmannsspiel

Stadtleben | aus FALTER 24/02 vom 12.06.2002

Für mich (mit 35) ist diese WM die letzte, an der ich zumindest theoretisch noch hätte teilnehmen können. Zumal sich mit den Japanern, Südkoreanern und Mexikanern ein neuer (mir konträrer) Spielertyp zu etablieren scheint: klein, quirlig, leichtfüßig, ständig in Bewegung. Und auch sonst gibt es in keiner Mannschaft einen einzigen übergewichtigen Spieler. Nirgendwo auch nur der Ansatz eines Schwimmreifens. Ich hätte also keine Chance, nirgendwo. Nun habe ich mir aber überlegt, dass eine Mannschaft wie Österreich dann ihre Möglichkeiten hat, wenn sie das genaue Gegenteil praktiziert und einen Extremdicken in die Mannschaft nimmt. Der muss so dick sein, dass es sich winkelmäßig nicht mehr ausgeht, ihn zu attackieren, weil sein enormer Schwimmreifen jeden Gegner einen Meter auf Distanz hält, er also eine Leib gewordene, nicht zu ahndende Behinderung darstellt, die mit ganz kleinen Schritten, den Ball zwischen den Beinen führend, nicht zu stoppen ist. Die einzige Möglichkeit, so einem Dickmann den Ball abzunehmen, bestünde im wohl lebensgefährlichen Hineinrutschen. Dickmänner könnten also nicht nur bequem mit dem Ball ins Tor spazieren, sie könnten auch wunderbar den Ball halten und auf Zeit spielen. Und auch ich hätte so noch eine Chance, in vier Jahren dabei zu sein. FRANZOBEL

Franzobel ist Schriftsteller und lebt in Wien.


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