AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 25/02 vom 19.06.2002

Damit man hemmungslos den Verlockungen unserer Welt erliegen kann, muss man zu dumm sein, um die Alarmsignale seines eigenen Gewissens deuten zu können. Der Held des satirischen Romans "Antoine oder die Idiotie" von Martin Page versucht mit geeigneten Mitteln wie Alkoholismus und Selbstmord, sich der Kontrolle seines mächtigen Intellekts zu entziehen und zu dem zu werden, was auch sein Kollege Pino Cacucci in "Ein Wunder am Ende der Welt" beschreibt: ein nutzloses Mitglied einer Gemeinschaft liebenswerter Trottel, die nicht einmal Kokain von Dünger zu unterscheiden vermögen.

  Arm, aber sorglos lebt es sich in Cacuccis mexikanischem Niemandsland. Bis das Fußballfeld mit jenem Wunderdünger markiert wird, den Bauer Alvaro Cristobal aus einem abgestürzten Flugzeug geborgen hat. Selbst als die Drogenbarone aufkreuzen, begreifen die Dorfbewohner rein gar nichts. Und gerade deshalb müssen sie zwar zunächst einen schweren Mezcal-Kater überstehen, werden aber letztendlich mit heiler Haut aus der üblen Geschichte entlassen, wohingegen sich die ihnen geistig überlegenen Dealer gegenseitig massakrieren.

  Zurück zu Cristobals französischem Bruder Antoine. Der erklimmt als Aktienbroker die höchsten Weihen der Stupidität. Zweimal schüttet er Kaffee in die Tastatur seines Computers. Beide Male rotiert die Börse, beschert er seiner Firma beispiellose Rekordgewinne. Dann aber hält er es nicht mehr aus. Antoine kehrt in sein wahres Leben zurück - zu Büchern, philosophisch-politischen Gedankenspielen, zu vegetarischer Kost und zur wohligen Last seines schlechten Gewissens. Und Martin Page ist dafür zu danken, dass er sich am Ende zu einer Spezies Mensch bekennt, die noch lange nicht vom Aussterben bedroht ist.

Pino Cacucci: Ein Wunder am Ende der Welt. Roman. Aus dem Italienischen von Angela Winkler. Frankfurt a.M. 2002

(Krüger). 128 S., E 15,40

Martin Page: Antoine oder die Idiotie.

Roman. Aus dem Französischen von Moshe Kahn. Berlin 2002 (Wagenbach).

135 S., E 17,-


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige