Fragen Sie Frau Andrea: Proletarisches

Stadtleben | aus FALTER 26/02 vom 26.06.2002

Sehr geehrte Frau Andrea,

was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Proletarier und einem Proleten?

Andrea Jüllig, Internet

Liebe Andrea,

zwischen den beiden Ausdrücken liegen je nach Betrachtungsstandpunkt durchaus Welten. Die Etymologen sehen im Proleten schlicht die Kurzform des Proletariers. Nach marxistischer Lehre ist ein Proletarier ein Angehöriger der wirtschaftlich unselbstständigen, besitzlosen Schicht. Die bourgeoise Etikette wiederum verwendet den Ausdruck "Prolet" abwertend für Menschen, die sich - unabhängig von den bürgerlichen Werten "Herkunft und Stand" - ungehobelter Umgangsformen bedienen, während sie den Begriff Proletarier neutral besetzt.

Ein Beispiel: Meine Cousine, sie ist kinderlos, hatte jüngst Streit mit ihrer jüngeren Schwester, die vor kurzem ein Baby bekommen hat. Wie Geschwister so mal sind, flogen aus nichtigem Anlass erst die Worte, dann die Vorwürfe und schließlich traf die eine Schwester der anderen tief ins Herz, sie bezeichnete sie als ekelhaftes unfruchtbares Monster. Meine Cousine gab ihrer Schwester daraufhin eine Ohrfeige. Um seine zukünftige Ehefrau zu beschützen, mischte sich der Vater des Kindes, ein Tiermedizinstudent, ein und schlug seiner zukünftigen Schwägerin mit der Faust ins Gesicht. Nach gängiger Etikette sind die beiden Schwestern Proletarierinnen, weil sie arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die beschriebenen Beleidigungen und Ohrfeigen hätten in dieser Form auch unter Royals stattfinden dürfen. Der rachsüchtige Student hingegen ist nach marxistischem Verständnis kein Proletarier, sehr wohl aber ein Prolet. Denn eine Frau schlägt auch der einfachste Abeiter nicht.

Schreiben Sie Frau Andrea: dusl@falter.at; und besuchen Sie:


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