WM-Auskenner: We are Rubbish

Stadtleben | ROBERT ROTIFER | aus FALTER 26/02 vom 26.06.2002

David Seaman hat offensichtlich nie Lenin gelesen. Folglich tat er nach seinem gewagten Schritt vorwärts zwar die zwei zurück, aber viel zu spät. Und so vollzog Ronaldinhos Mondball seine zermürbend träge Flugkurve über Seamans Kopf hinweg ins Netz. England-Coach Sven Göran Eriksson, der alte Chefideologe aus dem ehemaligen Musterland der europäischen Sozialdemokratie, hatte noch vor dem Spiel ein schwedisches Sprichwort zitiert: Man müsse einen Fuchs hinterm Ohr haben. In anderen Worten: Es ist okay, über die Hintertür sein Ziel zu erreichen, ohne dabei schön auszusehen. Die englischen Spieler hatten Eriksson ja schon so manches abgenommen, aber diese windschiefe Metapher aus nordischem Volksmund konnten sie nur zur Hälfte visualisieren (das mit dem Nicht-schön-aussehen-müssen). Immerhin aber sind englische Spieler gute Verlierer - ganz im Gegensatz zu den Italienern und Spaniern, die nicht einmal die sportliche Grundregel begreifen, dass man gegen ein Gastgeberland drei Tore schießen muss, bevor eines zählt. Englands Team beugte sich indessen auf offenem Rasen der nüchternen Wahrheit: Brasilien ist besser. Und die Fans am Trafalgar Square gingen in ihrer Analyse noch weiter: "We are rubbish!" Auch darauf lässt sich trinken.

Robert Rotifer ist "Falter"- und FM4-Mitarbeiter und lebt in London.


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