kunst kurz

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 30/02 vom 24.07.2002

Alternative Kunsträume mit längerer Lebensdauer und internationaler Ausstrahlung stellen in Wien zwar eine Rarität dar, aber im Lamento über die passive Szene werden engagierte, temporäre Wohnungs- und Atelierprojekte, von denen es in den Neunzigern doch etliche gegeben hat, gerne vergessen. Im letzten Jahr betrieb die Künstlerin Katrina Daschner den sehr sympathischen Salon Lady Chutney, dessen Programmschwerpunkt auf Performances lag. Der Salon ist wieder zu, dafür stellt nun die befreundete Künstlergruppe Die Familie einen Teil ihres in einem Geschäftslokal befindlichen Ateliers für einmonatige Ausstellungen zur Verfügung und lud Daschner ein, den AUTO genannten Raum (3., Radetzkystraße 5; jeden Dienstag 17 bis 20 Uhr) im Juli zu bespielen.

  Bei ihren Performances verwandelt sich Daschner immer wieder in eigenartige Gestalten und verknüpft diese mit Geschichten, die konventionelle Geschlechterrollen unterlaufen. Während bei den Gruselfilmen der Hammer-Studios im Augarten zurzeit Christopher Lee die Zähne bleckt, präsentiert Daschner einen anderen als den heterosexuellen Mythos vom Vampir: Am Eröffnungsabend saß Daschner in einer großen weißen Box und las die Erzählung "Carmilla" des irischen Romanciers Joseph Sheridan Le Fanu. Diese 1872 erschienene Geschichte um die Liebe zwischen der blutrünstigen Gräfin Mircalla von Karnstein und einem jungen Mädchen gilt als erster literarisch bedeutsamer Vampirroman und inspirierte auch Bram Stoker zu seinem Dracula. Die Lesung der Künstlerin ist nun für die Besucher des AUTO als Tonbandmitschnitt zu hören, an den Wänden hängen Fotos, die Daschner mit Dracula-Maske und dekolletiertem Kleid am Meer zeigen.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige