AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 31/02 vom 31.07.2002

Qualvolle Kindheiten sind ein Kapital. In autobiografische Prosa investiert erzielen sie mitunter eine exorbitante Rendite auf dem Markt der anrührenden Romane. Man darf sich als Autor nur nicht zu fein dafür sein, andere für die selbst erlittenen Misshandlungen zu begeistern. Die Kindheitserinnerungen des US-Twens J.T. LeRoy, Sohn einer Trucker-Prostituierten, sind ein Beispiel par excellence, wie weit man zu weit gehen kann. In "Jeremiah" reiht der in den USA längst zum Kultautor avancierte Kalifornier Prügelexzess an Vergewaltigung und das Verlassenwerden von der Mutter. Dazwischen liegt höchstens ein Hamburger-Mahl bei Burger King. Nicht der Stoff, die Haltung des angeblich in der Psychotherapie begonnenen Buchs bringt den Hormonhaushalt jedes Voyeurs auf Trab. LeRoy nutzt das Schreiben nicht, um sich von seinem Trauma zu befreien, sondern um die süße Qual des gefickten Kindes in seine Gegenwart hinüberzuretten. Sein vorpubertäres Ich, so LeRoy etwa zehn Jahre danach, fand


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