AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 32/02 vom 07.08.2002

Venedig, was ist das? Ein metaphysischer Ort, in dem die Sehnsucht von der Rückkehr des Menschen ins Wasser, den Lebensraum seiner Ahnen der Evolution, Realität geworden ist? "Venedig ist ein Fisch" und stinkt vor lauter Schönheit. Dies jedenfalls behauptet der 1963 in der Lagunenstadt geborene Tiziano Scarpa in einem essayistischen Crashkurs. Ziel der schmalen Agitationsschrift scheint es zu sein, potenzielle Touristen zum Nachdenken darüber anzuhalten, ob sie die Einheimischen wirklich mit ihrer Anwesenheit belästigen wollen. Nicht nur, dass der Autor die Stadt mit einem glitschigen Tier vergleicht, das für ein schillerndes Äußeres bekannt ist, aber schon nach kurzem einen unerträglichen Fäulnisgeruch verströmt - mit Haut und Haar drückt er den Leser in den Kadaver hinein, auf dass er im Fleisch der Stadt feststecke, im Geruch der Pisse von mehreren tausend Katzen, im Schweiß von Liebespaaren, die es ungeniert in Hauseingängen treiben. Ganz schön böse, wie hier mit den


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