SPIELPLAN

Kultur | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 36/02 vom 04.09.2002

Grundsätzlich wäre das Volkstheater gut beraten, keine klassischen französischen Tragödien aufzuführen: Die Schauspieler und Regisseure dieses Hauses sind oft schon mit leichteren Stoffen überfordert. Weil das Volkstheater aber nicht gut beraten ist, wurde die Spielzeit heuer mit Jean Racines "Phädra" eröffnet - vermutlich eines der schwersten Stücke, die die Theaterliteratur zu bieten hat. Die ganze Leidenschaft (Königin Phädra verzehrt sich vor Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolytos) und das ganze Leid (nach der Rückkehr des totgeglaubten Königs Theseus kommt es zu einem regelrechten Massenselbstmord) finden, wie in der griechischen Tragödie, fast ausschließlich in der Sprache (gespielt wird die neue, aber nicht neumodische Übersetzung von Simon Werle) statt.

  Regisseurin Beverly Blankenship hat sich dem Text mit einer Defensivtaktik genähert: Einen Großteil der Energie verwendet die Inszenierung darauf, sowohl Überlänge als auch ein Übermaß an Pathos zu vermeiden. Beides ist gelungen: Die Aufführung dauert keine zwei Stunden, und die Schauspieler agieren so kontrolliert, dass es fast schon an Lethargie grenzt; Gaststar Andrea Jonasson in der Titelrolle darf nicht einmal auf der Bühne sterben (die Szene ist gestrichen) und bleibt auch sonst ziemlich unauffällig. Das geschmäcklerische Bühnenbild (John Lloyd Davies), die modernen Uniformkostüme (Susanne Hubrich) und die atmosphärische Geräuschkulisse (Peter Kaizar) machen die Camouflage perfekt: Verstünde man die Sprache nicht, würde man glauben, hier würde Schnitzler oder Tschechow gespielt. Die gefürchtete Volkstheatereröffnungspremierenkatastrophe ist ausgeblieben: Diese "Phädra" ist keine Tragödie. Fragt sich nur, was sonst.


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