PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Wagen, wen aufzusuchen

Stadtleben | aus FALTER 38/02 vom 18.09.2002

... Ich sehne mich danach, aufzubrechen ... [aus dem Brief des hl. Apostels Paulus an die Philipper]

Phil 1, 20ad-24.27a

(2. Lesung am 25. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr A)

d Immer fährt die Straßenbahn an mir vorüber, mit dem Werbeslogan des diesblättigen Falter draufgesteckt, der lautet: "Wir holen dich da raus!" Aber nie ereignet sichs, niemand holt mich hier raus. Du kannst nirgendwohin gehen, wenn du niemand bist, nichts hast und vor allem es niemanden gibt, der dich und den, also gegenseitig ihr euch zu erkennen vermöget. Lustig ist es, über den äußeren Gumpendorfer Gürtel vom Westbahnhof nach Gumpendorf zu gehen. Da steht die schwärzeste, verlassenste, in ewiger Nacht stehende Kirche Maria vom Siege, und darauf ein riesiges Transparent: "Es gibt einen, der dich liebt: Jesus Christus" und dann ein paar Meter weiter eine große Baustelle mit einem zehn mal so großen Transparent als Staubschutz darüber, bezahlt und errichtet von der österreichischen T-mobile: "Es gibt noch einen, der dich liebt: T-mobile". Diese zwei Transparente sind alle Indizien mich betreffend. Es ist insgesamt eine finstere Gegend mit finsteren Gestalten oft, wenn ich dort gehe, und z.B. erst am Samstag, als ich wieder dort ging und mich wer passierte, erträumte ich mir, der aber wird dich jetzt sicher erschießen.

  Ich sitze mitten im Falter, zehn Jahre ununterbrochen Kolumne um Kolumne, und viele andere kolumnieren im Falter, aber höchstens bei der Weihnachtsfeier, dem Moment der schrecklichsten Angst, als substanzlos durchschaut zu werden, sind 83 Prozent der Leute versammelt, eine unüberblickbare Menge. Und es gäbe speziell die Untergruppe der Außenkolumnierer des Falter. Also der Ivaniewicz, der Prlic, Zubruso & Rotstein, und Andrea Maria Dusl. Wir kennen uns oft gegenseitig gar nicht, sitzen wortlos vor Angst, uns zu entblößen und verworfen zu werden, zitternd bei der Weihnachtsfeier. Mindestens drei Tage Kopfweh und Brechen folgen der schrecklichen Angst. Und dann gibt es die andere Untergruppe der innerhäuslich Kolumnierenden, den Kulturleiter Nüchtern, den Theaterpapst Kralicek, die im Nebstbei kolumnieren, weil das Redigieren sie in der Angst ersticken, ihre Sachgeschichten gut zu redigieren, sozialkompetent zu erscheinen, nicht unterzugehen als lächerliche Figuren, nicht gültig zu sein. Ein Sonnensystem so ein Blatt. Schmachtend sitzt du bei der Weihnachtsfeier auf deinem Zahnfleisch und schaust, ob irgendwer nicht am Zahnfleisch sitzt. Dann gehst du heim von der Weihnachtsfeier und weißt, das All ist leer, nur Sterne überall. Wie könntest du, im Nichts ernichtend (kein Tippfehler), wen im Nichts erfüllen? Kulturleiter Nüchtern sei mein Zeuge, sicher dreimal in diesen zehn Jahren bat ich ihn, doch einmal eine Werbeseite ins Blatt zu drucken als Füllsel, wenn sie plötzlich einmal zu viel Seiten haben und zu wenig Inhalt mit allen kolumnierenden, wie andere Weltblätter auch: Ein Gruppenbild der Falter-Kolumnys, damit es sichtbar würde schwarz auf weiß, ich bin nicht allein. Und natürlich dachte ich mir dies auch über die Dusl.


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