TSCHERKASSKYS TRILOGIE: Furioser Horror in Cinemascope

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 41/02 vom 09.10.2002

Das Herz des Kurzfilmprogramms "The Closer Look", das derzeit im Stadtkino zu sehen ist, bildet zweifellos Peter Tscherkasskys "CinemaScope - Trilogie": Erstmals sind in Wien alle drei Filme am Stück und in adäquater Projektion zu sehen. Was wichtig ist, definiert die Trilogie doch das Filmbild quasi von seinen Rändern her: Dort, wo die Leinwand die Grenze des filmischen Universums markiert, dringt das Off mit Gewalt ein, setzen der Perforationsstreifen und die optische Tonspur zum zerstörerischen Sprung in die Geschichte an. Programmatisch dafür ist der Beginn von "L'Arrivée", dem Vorspiel und "Trailer" des Zyklus: Im blendenden Weiß der Leinwand zuckt und zittert der Filmstreifen, um dann mit ungebremster Wucht einen Zug mit seinem Double kollidieren zu lassen. Zwei Minuten stroboskopischen Irrsinns enden in einem geborgten Filmkuss.

  "Outer Space" und "Dream Work" variieren und verfeinern Tscherkasskys Verfahren der händischen Ausbelichtung gefundener Bilder und Töne in Richtung einer Revision Hollywood'scher Genre-Elemente: Aus dem Material eines Horrorfilms entstehen zwei nicht minder unheimliche Arbeiten, in denen die Schauspielerin Barbara Hershey zum Objekt bedrohlicher Mächte wird. Wo "Outer Space" in seinem furiosen Wüten gleichsam auf den Kern des Aktionskinos verweist, setzt die Geistergeschichte "Dream Work" an: Die geplagte Protagonistin geht zu Bett, um auf der Kehrseite der Welt wieder zu erwachen. Fetzen von Dialogen, das Ticken einer Uhr und das lustvolle Stöhnen der Schlafenden vermengen sich mit den subtilen, elektronischen Klangflächen des Komponisten Kiawasch Saheb Nassagh zu einer Studie über den Traum, filmischen Voyeurismus und das Unbewusste. Bevor der Film zum Finale anhebt, kommt die Hand seines Schöpfers ins Bild: Flinke Finger verteilen Reißzwecken und Filmschnipsel auf dem Lichttisch, machen den filmischen Schöpfungsakt und seine omnipotente Anmaßung sichtbar.

Bis 17.10. im Stadtkino.


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