STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 41/02 vom 09.10.2002

Wer sich vorab einen Eindruck von "Lucía und der Sex", dem neuen Film des Spaniers Julio Medem ("Das rote Eichhörnchen"), verschaffen will, braucht nur das Plakat zu studieren. Wie der Film selbst vertraut dessen Fotosujet auf die Macht der Metapher: Ein junges Mädchen fährt leicht vorgebeugt Moped, wobei das Dekolleté ihres Sommerkleides Einblick in das Darunter gewährt. Im Hintergrund ragt - Achtung, Phallussymbol! - ein Leuchtturm auf.

  Im Film erfahren wir, dass es sich bei der Mopedfahrerin (Paz Vega) um nur eine von drei bildhübschen Frauen handelt, die sich im Handlungsverlauf dem eigentlichen Helden, einem Schriftsteller namens Lorenzo (Tristán Ulloa), an die Lenden werfen. Die zweite ist blond und liebt Lorenzo bei Mondenschein im Meer. Die dritte ist minderjährig, Tochter einer Pornodarstellerin und Nymphomanin. Regisseur Medem, der die Hauptrolle wohl nicht zufällig mit seinem eigenen Lookalike besetzt hat, ist mittlerweile 44 und hat früher mal gute Filme gemacht.

  Mit der französisch-deutschen Koproduktion "Der Stellvertreter" startet diese Woche ein weiteres Stück europäischen Hochglanzkinos. Regie bei dieser Verfilmung des 1963 uraufgeführten Holocauststücks von Rolf Hochhuth führte Costa-Gavras ("Z"), der sich dem Politischen auch hier mit den Mitteln des Spannungskinos zu nähern sucht. Das Ergebnis ist eine saubere Ausstattungsarbeit mit hohem Staraufgebot (u.a. Nina Proll als SS-Blondine), die es sich in vielen Punkten etwas zu leicht macht: So ist etwa der Thrillerplot als Dualismus zweier Bewegungen aufgebaut. Die des Holocaust, versinnbildlicht durch das penetrant wiederholte Motiv fahrender Güterzüge. Und die Gegenbewegung der widerständigen Helden (Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz), die durch die endlosen Hallen und Flure des Vatikans eilen, um beim Papst gegen die Todestransporte zu intervenieren. Allein dieser Wettlauf gegen die Geschichte wirkt bei genauerer Betrachtung irgendwie obszön.


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