SPIELPLAN

Kultur | KARIN CERNY | aus FALTER 41/02 vom 09.10.2002

Zwei Stücke, die fragen: Was hat uns bloß so ruiniert? Natürlich kann man darauf keine Antwort finden, sondern nur möglichst genaue Zustandsbeschreibungen liefern. "Die Pavillons" der jungen Belgrader Autorin Milena Markovic´ schließt die Aufführungsreihe ex-jugoslawischer Dramen im Theater m.b.H. ab und beweist, dass so etwas wie junge britische Dramatik auch in Serbien möglich ist. Das Stück ist eine fatale "Lindenstraße": Wir beobachten auf einer Simultanbühne verschiedene Wohnungen in einem desolaten Mietshaus, oben die Junkies, unten der gewalttätige Vater, daneben zwei Schwestern, bei denen zwei Einbrecher lieber einziehen als sie auszurauben. Irgendwann eskaliert es überall; und wer bis dahin noch nicht gestorben ist, den erwischt es, wenn am Schluss das ganze Haus explodiert. Filmartig gedacht und in seiner knappen, derben Sprache recht überzeugend geschrieben, kann sich die Inszenierung von Zijah A. Sokolovic´ nicht so recht entscheiden zwischen überzeichnetem Kraftakt und Realismus, schriller Groteske und leisem Kammerspiel. Das gelingt manchmal, gerät aber oft etwas zu grobkörnig.

  Was ist bloß aus unseren Idealen geworden? Igor Bauersima, der seit "norway.today" auch in Wien ein Begriff ist, fragt in seinem Stück "Context" von 1999 nach der Diskrepanz von einstigen Träumen und heutigen Zwängen, in denen man sich aber gut eingerichtet hat. Drei ehemals beste Freunde haben sich zehn Jahre lang nicht mehr gesehen. Beim Wiedertreffen wird so viel gequasselt wie in einem französischen Film, bevor die Situation eskaliert wie in einem amerikanischen Streifen. Die heimische Erstaufführung im Ensemble Theater hat ein starkes Ensemble, aber wenig Ideen und kein Stimmung machendes Bühnenbild. Viele der kryptischen bis therapiegeschulten Sätze verpuffen, die Doppelbödigkeit des Gesagten bleibt eher Behauptung. Ein Abend, der über Hürden stolpert, die auch Bauersima nicht immer überspringt: einfach zu nett und zu sprachlastig.


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