AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 41/02 vom 09.10.2002

Lyrik ist derzeit nicht gerade das, was man sich unter progressiver Literatur vorstellt. Nicht weil es keine jungen Autoren gibt, die mit aller Macht zu den Mikrofonen der Festivals drängen, sondern deswegen. Der 1973 geborene Ron Winkler ist ein Paradebeispiel für die Langeweile, die sich hinter den auf Literaturfestivals bevorzugt hofierten Hoffnungen der letzten Jahre verbirgt. "Morphosen" heißt sein Debüt. "ich bin nackt", heißt es darin, und der sich anschließende Vers "nur: was ist damit ins Wort gegeben?" ist mit ,gar nichts' korrekt beantwortet. Ein Gedankengebäude von kosmischer Dimension sollte es sein. Das jedenfalls suggeriert Winklers Griff nach allem, was die Unibibliothek an Philosophischem hergab und was sich zu leblosen Phrasen ummodellieren ließ.

  "Kaddish I - X" von Paulus Böhmer wäre das Gegenbeispiel eines Versgebäudes von kosmischer Dimension - 350 Seiten lang, der Autor kein Günstling der Festivals, sein Gedicht scharf wie ein Messer. Ob eines Messias,


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