KUNST KURZ

NICOLE SCHEYERER | Kultur | aus FALTER 42/02 vom 16.10.2002

Die Scheiben des project space am Karlsplatz sind zurzeit vollständig verhängt. Anstatt den Raum - gemäß der architektonischen Vorgabe - als Schaufenster zu nutzen, hat der Künstler Santiago Sierra für seine Ausstellung die Eisenvorhänge zuziehen lassen (bis 8.12.). In der verdunkelten Halle fand dann Sierras Aktion "Anheuern und Anordnen von 30 Arbeitern nach ihrer Hautfarbe" statt, deren Titel so eindeutig ist, wie auch die S/W-Dokumentation auf Video daherkommt. Ohne zusätzlichen Aufwand einfach an die Wand projiziert, sind darin Menschen zu sehen, die sich nach der Auszahlung von hundert Euro in Unterwäsche mit dem Gesicht zur Wand aufstellen lassen. Die Szenerie erinnert an Polizeiverhöre, das Entkleidet-Herumstehen im Kunstraum an Vanessa Beecroft. Die Halle ist sonst bis auf Plastikbecher et cetera leer, alles steht noch so da, wie der Raum verlassen wurde.

  "Als ich vor einigen Jahren nach Mexiko zog, entdeckte ich plötzlich, dass ich weiß bin und die Upper Class positiv auf mich reagierte", erzählt der 1966 geborene Arbeitersohn aus Madrid zur Genese seiner Arbeit. Mit den Angestellten des New Yorker PS1 wollte er schon einmal ein ähnliches Projekt durchführen, das weiße Management der Institution lehnte jedoch seine Beteiligung ab. Ausbeutungsverhältnisse und die Herstellung von Mehrwert im Kunstbereich thematisiert Sierra, indem er seine eigene Macht als Künstler zur Schau stellt. So bezahlte er in seiner radikalsten Aktion Männer dafür, dass sie sich eine Linie auf den Rücken tätowieren ließen. Andere stigmatisieren, um soziales Stigma zu kritisieren: Man muss der Funktion des Museumsraumes schon ein großes aufklärerisches Potenzial zuweisen, um zu glauben, dass das funktioniert.


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