STANDPUNKT: Blaupause

Politik | aus FALTER 43/02 vom 23.10.2002

Diese wohltuende Stille! Diese Abstinenz der Unerträglichkeit! Der Wahlkampf entfaltet auch schöne Seiten. Kein Sprudelsprech der Vizekanzlerin, kein Ingenieur des Grauens, kein strahlender Finanzminister mit Euro-Münzen am Format-Cover und vor allem kein braunes Gebrumme aus dem Bärental mehr. Nur ab und zu ein paar Rülpser von jenen, die in Knittelfeld Putschisten sein wollten, auf die aber ohnedies niemand mehr hört. Seit sich Jörg Haider aus der Politik verabschiedet hat, seit sich die blaue Ministerriege - bis auf den schüchternen Infrastrukturminister Mathias "mein Handschlag zählt" Reichhold - vertschüsst hat, ist ressentimentgeladener Populismus in Österreich out. Doch Vorsicht. Die wohltuende Blaupause ist durch schwarze Kopisten gefährdet. Da beschimpft der schwarze Innenminister, der sich "christdemokratisch" nennt, die Mitarbeiter der Caritas als "menschenfeindlich und unmenschlich", weil sie Missstände dokumentieren (siehe Falter-Interview). Da entdeckt selbst der Schweigekanzler am ÖVP-Kongress plötzlich "Wirtschaftsflüchtlinge" und "Schlepperbanden". Plötzlich ist die ÖVP stolz, dass man in so sensiblen Bereichen wie der Flüchtlingspolitik "die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat", anstatt - wie früher - hier auf Populismus zu verzichten. Die ÖVP ist daran, ihre christlichen Wähler zu verschrecken. Die Sünde könnte sie teuer büßen. F. K.


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