Stadtrand: Das Prinzip Hoffnung

Stadtleben | aus FALTER 43/02 vom 23.10.2002

Ein Morgen im 43er, an einem Tag wie jedem anderen, die Leute sind angefressen, die Luft mies, man steht dicht gedrängt und schaut. Drei junge Frauen auf dem Weg zur Arbeit unterhalten sich, zuerst auf Deutsch, dann auf Serbokroatisch. Ein alter Mann - zerzaustes Haar, Krücken, böser Blick - fährt die Frauen an. "Wenn ihr bei uns in Wien seids, redets gfälligst Deitsch: Das ist Vorschrift." Die Frauen ignorieren ihn, seine brave Gattin - klein, rund, Dauerwelle - keift hinterher: "Typisch, dass es so unverschämt seids, ihr Ausländer, ihr grauslichen." Dann die üblichen Beschimpfungen - Ausländer sind kriminell, kosten unser Geld, waschen tun sie sich nicht, und zu viele sind es, da musst ja Angst haben. Die jungen Frauen sind entgeistert über die Attacken aus dem Nichts, trauen sich nicht viel dagegen zu sagen. Aber dann das Unglaubliche - im 43er regt sich so was wie echte Zivilcourage. Nicht nur einer redet dagegen, sondern der halbe Waggon zeigt den Ungusteln, dass sie ihren Hass woanders rauslassen sollen. "Sie sind eine Zumutung, das ist ja letztklassig." "Miese Rassisten." "Diese Frauen zahlen auch Ihre Pensionen mit." "Streiten Sie doch mit ihrer Frau zu Hause." "Schämen Sie sich." So was rettet mir den Tag. Es gibt auch Menschen in dieser Stadt, die nicht nur feig wegschauen. J. O.


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