SPIELPLAN

Kultur | PETRA RATHMANNER | aus FALTER 44/02 vom 30.10.2002

Das Ensemble im Theater in der Josefstadt tut alles, damit wir die letzte Saison unter der Direktion von Helmuth Lohner in bester Erinnerung behalten. Nach einer gar nicht schlechten Thomas-Bernhard-Aufführung überzeugt nun auch die zweite Premiere, Henrik Ibsens Spätwerk "Die Wildente", durch schauspielerisches Können. Allerdings muss man mit der Inszenierung ein wenig Geduld haben. Geht der Vorhang hoch, sieht man zunächst nur eine bis an die Decke kastanienbraun zugetäfelte Bühne und Schauspieler, die mit den Händen im Hosensack agieren. Doch schon in der zweiten Szene, die sich in einem armseligen Dachatelier zuträgt, entfaltet sich ein Spiel von mitreißender Leichtigkeit: Die junge Gertrud Drassl wirbelt quietschvergnügt mit zerzaustem Haar und in dicken Socken über die Bühne. Und Brigitte Karner verkörpert eine souveräne Familienmutter, die immer mit irgendeiner Hausarbeit beschäftigt ist, während die Männer bloß dasitzen, reden und eine Katastrophe nach der anderen auslösen. Publikumsliebling Herbert Föttinger darf endlich mal einen Unsympathler spielen, und Eugen Stark gibt einen herrlich versoffenen Haudegen. Mehr davon!

  Witz ist ein Spiel mit Ideen, sagte einmal der Dichter Jean Paul. Mit einer höchst ungewöhnlichen Idee spielt auch die Scala in der Romanbearbeitung "Dschingis Cohn!". Mitten in die Wiederaufbaustimmung der Fünfzigerjahre, als ehemalige NS-Täter längst zu Stützen der Gesellschaft geworden sind, taucht plötzlich der Geist eines ermordeten Juden auf. Der jüdische Komiker Dschingis Cohn, der seinerzeit im KZ hingerichtet wurde, sucht seine Mörder heim und stellt deren Leben mit bitterbösem Humor auf den Kopf. Der kleine, schlaksige Bernie Feit und der groß gewachsene, breitschultrige Jörg Stelling geben dabei ein punktgenaues Komikerduo von schöner Ernsthaftigkeit. Auch wenn es mitunter zu unnötigen Verzettelungen kommt, ist das ein spannender Abend, der die Frage nach Schuld und Sühne von einer ganz anderen Seite stellt.


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