AUFGEBLÄTTERT

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 44/02 vom 30.10.2002

Dank Heinrich Breloers Fernsehbiografie erlebt Thomas Mann seit Ende 2001 eine Renaissance. Eigentlich müsste das die Freunde althergebrachter Normen mehr verstören als begeistern. Denn nicht nur "Der Tod in Venedig" verweist auf eine Sexualität des Nobelpreisträgers, die mit bürgerlichen Wertvorstellungen nicht so ohne weiteres vereinbar war. Dass Mann "ein Erotiker war und dass sexuelle Motive in seinem Werk eine zentrale Rolle spielen - das haben wir (...) mit Sicherheit unterschätzt", gesteht auch Marcel Reich-Ranicki in seinem Essayband "Sieben Wegbereiter", in dem seinem favorisierten Schriftsteller 70 von 270 Textseiten reserviert sind.

  Knabenanschmachten als Leitthema eines Weltliteraten. Ein Problem will Reich-Ranicki darin nicht entdecken. Im Gegensatz zu Gilbert Adair, der eine kurze Biografie jenes Adelssprosses, der 1911 für Tadzio Modell gestanden hat, geschrieben hat - und mit dem Hinweis darauf schockiert, dass der vom Dichter in Venedig angehimmelte Bube in Wirklichkeit


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