OHREN AUF! Neues von den Alten

Kultur | CARSTEN FASTNER | aus FALTER 45/02 vom 06.11.2002

Wie soll man sagen? "In der zweiten Reihe" jedenfalls standen sie sicher nicht, jene sechzig Dirigenten, die in der Serie "Great Conductors of the 20th Century" mit einem Porträt auf jeweils zwei CDs gewürdigt werden sollen. Als allererste Sahne aber gelten die Herren (außerhalb der jeweiligen Fankreise) auch nicht gerade - zumindest heutzutage nicht mehr.

Es geht dem unter der Federführung der EMI entstehenden Gemeinschaftsprojekt der Labels Decca, Philipps, RCA, Sony und Supraphon ohnehin nicht um zweifelhafte Fragen des Ruhms, sondern vor allem darum, beinahe hundert Jahre an auf Tonkonserven dokumentierter sinfonischer Interpretationsgeschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 24 Doppel-CDs mit Einspielungen von Karel Ancerl bis Bruno Walter sind bislang erschienen; ihre intelligente Programmzusammenstellung mit vollständigen, großteils erstmals auf CD veröffentlichten Stücken beweist schon jetzt, dass die Reihe mehr ist als ein Marketing-Gag mit dem billigen Griff ins Archiv.

Grund für den umfangreichen Erinnerungsaufruf gibt es genug. Mal ehrlich: Wer kennt noch den spanischen Dirigenten Ataúlfo Argenta (1913-1958)? Und vor allem seine packenden Interpretationen etwa von Manuel de Fallas "El amor brujo" oder Maurice Ravels "Alborada"? Der großartige Charles Munch (1891-1968) dürfte zumindest frankophilen Musikfans noch eher ein Begriff sein; dass der Mann aber auch für eine der hinreißendsten Einspielungen von Beethovens Neunter verantwortlich war, ist wohl nur echten Freaks bekannt.

Ähnliches lässt sich von Vaclav Talich ebenso sagen wie von Nikolai Malko oder Sir John Barbirolli. Und dass selbst Otto Klemperer in die Serie aufgenommen wurde, muss eigentlich als Schande für den Tonträgermarkt gelten. Ohne die alten Zeiten verklären zu wollen: Von diesen Great Conductors gibt es noch viel Neues zu entdecken.


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