SPIELPLAN

Kultur | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 46/02 vom 13.11.2002

Ein Wiener Theaterkritiker, der alle paar Jahre beim Serapions Theater im Odeon vorbeischaut, wähnt sich in einer Zeitschleife: Immer spielen sie dasselbe Stück. Oder handelt es sich um eine optische Täuschung? Die Dramaturgie des Stücks, das Regisseur Erwin Piplits einmal im Jahr unter wechselnden Titeln herausbringt, funktioniert jedenfalls so: Menschen in fantastischen Kostümen betreten die Bühne und tun dabei so, als hätten sie noch nie eine Bühne und noch nie andere Menschen gesehen. Bis sie sich auf dem fremden Territorium zurechtgefunden und sich mit den anderen zu einer Gruppe formiert haben, vergeht einige Zeit, die mit mysteriösen Handlungen, heftigen Grimassen und lauter Musik (diesmal von Wolfgang Mitterer) überbrückt wird. Aktueller Hinweis: Heuer läuft das Stück unter dem Titel "Ciao Mama", es geht angeblich um Kindheit. Dass man das mit freiem Auge nicht erkennen kann, gehört zu den typischen Merkmalen eines sonderbaren Wachtraums namens Serapions Theater.

  Skeptisch reagiert der Kritiker, wenn eine freie Gruppe stolz verkündet, einen Autor entdeckt zu haben. Wenn er so toll ist, denkt er unwillkürlich, hätte ihn doch längst eine große Bühne entdeckt. Aber dann begibt er sich doch ins dietheater Künstlerhaus, wo die Gruppe Einmaliges Gastspiel das Stück "Die Regeln der Lebenskunst in der modernen Gesellschaft" von Jean-Luc Lagarce entdeckt hat. In Frankreich soll um den 1995 im Alter von 38 Jahren verstorbenen Autor und Theatermacher in den letzten Jahren ein "Boom" entstanden sein. Warum, bleibt nach der ersten Aufführung eines Lagarce-Textes in Österreich unklar: Eine ältere, offenbar kranke Frau (Christa Schwertsik) referiert einer Angestellten (Martina Spitzer) den korrekten Umgang mit den Dingen des Lebens - von der Geburt über die Hochzeit bis zum Tod. Das ist ungefähr so witzig wie eine Lesung aus dem "Elmayer" und lässt zwei Schlüsse zu: Entweder die Franzosen spinnen, oder Regisseur Hagnot Elischka hat etwas ganz falsch verstanden.


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