BUCHTIPP: Nachbar in Not

Stadtleben | aus FALTER 49/02 vom 04.12.2002

Das Buch "Unser Wien - 'Arisierung' auf österreichisch" ist zweigeteilt. Im ersten Teil zeichnet Tina Walzer die Geschichte der "Arisierung" nach. Sie schildert Methoden des Raubes, wie mit Einschüchterungen, willkürlichen Vorschriften und körperlicher Gewalt Menschen systematisch ihres Vermögens beraubt wurden. Der zweite Teil von Stephan Templ unterstreicht in der Auswahl der Fallbeispiele die Stoßrichtung des Buches. Im touristischen Klischee der Jugendstilstadt Wien fehlt die wichtigste Tatsache: Die Protagonisten der Jahrhundertwende - Architekten, Sammler, Künstler, Industrielle - wurden ausgeraubt, mussten flüchten oder wurden ermordet. Erschütternd ist der lapidare Stil von Templs Aufzählung von Apotheken, Architekturdenkmälern oder des Buch- und Verlagsgewerbes. Bei vielen Objekten steht dabei, wer die Besitzer waren, wie sie beraubt wurden und was aus ihnen geworden ist. Ein besonderes Augenmerk gilt den 620 Anwälten, die 1942 übrig geblieben waren - von 2100 im Jahre 1938. Laut Templ haben sie am meisten profitiert: Von der Beseitigung der Konkurrenz und von der Menge an Klienten, die im Zug des Raubes einen Anwalt in Anspruch nahmen. Templ nennt bei jedem Fall nicht nur den ursprünglichen Eigentümer, sondern auch die Täter: Prominente Anwälte finden sich dabei, etwa Stefan Lehner oder Julius Jeannée.

  Das Buch enthält auch eine praktische Anleitung zur Recherche. Wer sich darüber informieren will, wie seine Eltern oder Großeltern um ihr Hab und Gut gebracht wurden, erhält die dafür nötigen Informationen.

Tina Walzer, Stephan Templ: Unser Wien. "Arisierung" auf österreichisch. Berlin 2001 (Aufbau), 292 S., E 20,60


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