Geboren als Kind Europas

Ich hatte eine Traum. Aber er war so kindisch, dass ich vernünftigerweise nie auf seine Realisierung hoffen durfte. Zum Glück hält sich die europäische Geschichte nicht an die Vernunft

Extra | Christian Zillner | aus FALTER 50/02 vom 11.12.2002

Als ich geboren wurde, war Krieg. Ich hörte das Heulen der Granaten, sah die detonierenden Bomben und einstürzenden Häuser - nein, nicht in meiner Nachbarschaft, sondern im Fernsehen. Mein Krieg war ein kalter Krieg mit den Geräuschen und Bildern eines anderen.

Im Krieg auf die Welt zu kommen, war für ein europäisches Kind fast selbstverständlich. Seit Aufzeichnungen über diesen Appendix des asiatischen Kontinents existieren, erzählen sie vom Krieg. "Der Krieg ist von allem der Vater, von allem aber auch der König", behauptete der Philosoph Heraklit. Im Fall von Europa stimmt das nicht. Der Krieg ist Europas Mutter, aus dieser Mutter wurden Europas Kinder, die Nationen, geboren. Eine fürchterliche Mutter, die ihre Kinder das Kriegshandwerk lehrte, eine kluge Mutter, die sie damit allen anderen Völkern überlegen machte, eine traurige Mutter, die viele ihrer Kinder frühzeitig ins Grab brachte.

Bei meiner Geburt war Europa alt geworden. Im Zweiten Weltkrieg hatte sie das Mutterrecht


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