Die Bücher und die Nacht

Kultur | DANIEL KEHLMANN | aus FALTER 50/02 vom 11.12.2002

LITERATUR. Die Harvard-Vorlesungen, die der damals bereits erblindete Jorge Luis Borges in den Sechzigerjahren hielt, liegen erstmals als Buch und auf CD vor. Ein konzentrierter Nachtrag zu einem Jahrhundertwerk. 

Schwer vorstellbar, dass Jorge Luis Borges bis vor kurzem noch unser Zeitgenosse war, dass er noch Reagan, Thatcher und den Falklandkrieg erlebte: Kaum ein Schriftsteller, mit Ausnahme vielleicht Samuel Becketts, wirkt heute bereits so ins Klassische entrückt. Zugleich aber ist Borges unter allen Klassikern vielleicht der ungewöhnlichste, ist er jener, dessen Schaffen es am konsequentesten verweigert, sich zur Einheit eines Werks zu fügen. Borges hielt den Roman für eine überlebte Gattung und sich selbst für einen Spätgekommenen, einen Literaturliebhaber in unliterarischer Zeit, einen nicht wirklich zum Schreiben Berufenen, der sich mehr durch Neugier als durch Begabung, mehr als Leser denn als Schaffender ausgezeichnet hatte.

  Jorge Luis Borges wurde 1899 in Buenos


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