Aufgeblättert

Kultur | MARTIN DROSCHKE | aus FALTER 51/02 vom 18.12.2002

Weihnachten klopft an unsere Herzen - und dank seiner raffinierten Melange aus politisch korrekten Versprechen und Kitsch wird es auch 2002 unsere Filter für infantile Inbrunst passieren. Der Kurzroman "Else" aus dem Jahr 1881 von Alexander Kielling sei jenen empfohlen, die sich gegen den selig machenden Bratapfelduft wappnen wollen. Der norwegische Realist nutzte die auch damals an Heiligabend grassierende Harmoniesucht, um den doppelmoralischen Kleinbürgern seiner Zeit einen Tiefschlag zu verpassen. Weihnachten im Städtchen Stavanger wäre kein Weihnachten, stünden den Wohlsituierten keine "gefallenen Mädchen" zur Verfügung, die man per Almosen rettet, bevor es ab in die Kirche geht. Deshalb müssen im Sommer Mädchen wie Else in die Gosse hinabvergewaltigt werden. Es braucht halt Nachschub, soll das christliche Fest gelingen und der Status quo zwischen oben und unten aufrechterhalten werden. In Skandinavien wird das brutale Werk in den Schulen gelesen. Nicht erst seit dem Erscheinen


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