STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 04/03 vom 22.01.2003

Für den Semiotiker Roland Barthes stellte sie ein "magisches Objekt" dar: die Citroën DS, die Göttin (déesse) unter den Automobilen der Sechziger- und Siebzigerjahre. Das Automobil als "Mythos des Alltags" steht im symbolischen Zentrum von "The Goddess of 1967"; hier wird der Luxusschlitten mit der anachronistischen Anmutung zur Zeitmaschine, mit der zwei junge Menschen aus der "Hektomatik-Wöd" in die mythenschwere australische Wildnis und die eigene (traumatische) Kindheit entfliehen. Das Genre des Roadmovies gibt dem Geschehen einen vorhersehbaren Rahmen, den Regisseurin Clara Law hie und da ein wenig ausschmückt: So ist das Zufallspaar ethnisch gemischt (ein Japaner und eine Australierin) und durch körperliche Handicaps (das Mädchen ist blind) oder exzentrische Hobbys (der Junge sammelt Reptilien) als "different from the rest" gekennzeichnet. Der Charme des Films liegt freilich weniger in diesen Einfällen als vielmehr im Bereich des Genreüblichen - bis zu seinem endgültigen Abgleiten in symbolische Schwere und Betroffenheitsgrusel (Inzest! Trauma!!) schwelgt der Film in prachtvollen, australischen Panoramen.

  Dass die billigste Ableitung des Mythos der folkloristische Kitsch ist, demonstriert der amerikanische Überraschungserfolg "My Big Fat Greek Wedding". Basierend auf einem Einpersonenstück der Autorin und Hauptdarstellerin Nia Vardalos erzählt er die Geschichte einer Liebesbeziehung und Heirat zwischen einer New Yorker Griechin zweiter Generation und einem - Oh Schreck! - Nichtgriechen aus gutem Hause. Ersetzt man nun beispielsweise "griechisch" durch "italienisch" (oder Lammkeule durch Trippa), kennt man schon so ziemlich alle Gags im Voraus. Erklären lässt sich die Popularität dieses Filmchens allein damit, dass die Griechen-Masche noch relativ unverbraucht ist. Der Rest ist folkloristischer Kitsch.


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