Stadtrand: Sozialporno-jäger

Stadtleben | aus FALTER 04/03 vom 22.01.2003

Puuuuh, jetzt hat es sich Elizabeth T. Spira aber verschissen mit den Wienern, die sie so gerne in ihren "Alltagsgeschichten" vorführt. Und zwar gleich mit einem ganzen Stadtteil im schönen Floridsdorf. Die Großfeldsiedlung tobt und schimpft bis hinauf zu Hans Dichand, nachdem Spira Wohnanlage und Bewohner in ihrer Doku nicht so dargestellt hat, wie man sich hier selbst anscheinend sieht. Nicht die netten Grünflächen, die braven Vorstadtwiener, all die freien Parkplätze und die viele Luft rund um die Gemeindebauburg aus den Siebzigerjahren wurden gefilmt, kein Großfeldsiedler hat von seiner feinen Lebensqualität in der weitläufigen Anlage berichten dürfen. Nein, da wurde nur von den Verzeifelten, Vergewaltigern, Frauenhauern, Trunkenbolden, Junkies und Nazis erzählt. Bloß - warum regen sich die Sozialpornojäger so auf? Wenn sich jedes Grätzel oder Milieu, das jemals in einer "Alltagsgeschichte" durch den Kakao gezogen wurde, dermaßen angestellt hätte, gäbe es diese Sendung gar nicht mehr. In der einstmals wahrscheinlich gut gemeinten ORF-Dokureihe geht es schließlich nicht um ein realistisches Abbild der Stadt und ihrer Menschen, sondern um Sozialporno, Klischee und Ressentiment - das bringt ja auch die gute Quote. J. O.


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