GROSSFELDER IM TV: "Die Spira in der Großfeldsiedlung"

Stadtleben | CHRISTOPHER WURMDOBLER | aus FALTER 05/03 vom 29.01.2003

Muss Alltag langweilig sein? "Das hängt vom Alltag ab", sagt Elizabeth T. Spira. Die 60-jährige Filmemacherin ist nach 56 "Alltagsgeschichten", die sie für den ORF gedreht hat, so etwas wie eine Spezialistin für den gar nicht faden Alltag: Umstrittene Reportagen über Milieus, in denen es menschelt, in denen Leute ihre schrägen bis tragischen Schicksale vor der Kamera ausbreiten, sind Spiras Steckenpferd - ihre Kritiker nennen das "Sozialporno".

  Spiras letzte Reportage, "In der Großfeldsiedlung", erhitzt jetzt die Gemüter besonders. Sie selbst versteht den Rummel nicht. Sie habe schließlich keine journalistische Dokumentation gemacht, sondern einen "wunderbaren Film über die Spira in der Großfeldsiedung" und über einige Menschen dort. Den Vorwurf, dass sie in ihren Dokus meist nur Menschen am Rand der Gesellschaft vorführt, lässt sie nicht gelten: "Die Leute wissen genau, was sie tun, wenn sie vor der Kamera erzählen." In heiklen Fällen würden Interviewte zehn Mal angerufen und gefragt, ob sie sich ihrer Sache sicher seien. Dass sich nicht nur die Krone jetzt auf sie eingeschossen hat, sondern auch linksliberale Medien wie der Standard kritisch berichten, liegt an ihrem Erfolg, glaubt zumindest Spira. "Es gibt in diesem Land nichts Schlimmeres, als Erfolg zu haben. Ich war für linke Journalisten in Ordnung, solange ich kein Millionenpublikum gehabt habe." Die Kampagne, die die Krone seit Wochen fährt - bis hin zum Wolf-Martin-Schmähgedicht - sei unfair. Dabei ginge es längst nicht mehr um den Film, sondern um Bezirkspolitik. "Da ist jemand auf Stimmenfang", vermutet auch ihr Kameramann Peter Kasperak. Eine zweite "objektive" Doku über den Wiener Nordrand, wie Aktivisten sie fordern, will die Filmemacherin sicher nicht machen. "Diesen Film habe ich abgedreht, jetzt kommt die Meldemannstraße dran." Ihre "Alltagsgeschichte" über das bald geschlossene Wohnheim für Obdachlose in der Brigittenau wird wohl nicht so viel Empörung auslösen.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige