STREIFENWEISE

Kultur | MICHAEL LOEBENSTEIN | aus FALTER 06/03 vom 05.02.2003

Dass mit dem österreichischen Spielfilm einiges verkehrt läuft, beweist die Wienpremiere eines österreichischen Kurzspielfilms. "Richtung Zukunft durch die Nacht" (Regie: Jörg Kalt) läuft nämlich ab der Hälfte seiner sechzig Minuten Laufzeit rückwärts. Wie es dazu kommen konnte, fragt sich nicht nur das (zunächst amüsierte, dann zunehmend verwirrte) Publikum; nein, auch der Film weiß keinen Rat und kann allein mit einem Zitat der Hamburger Diskursrocker Die Sterne fragen: "Was hat dich bloß so ruiniert?"

  Wie jeder anständige fantastische Film etabliert auch "Richtung Zukunft durch die Nacht" von Beginn an ein brüchiges Gleichgewicht. Schon bevor die Zeit sich rätselhafterweise verkehrt, mag so einiges gar nicht stimmen: Nick, ein arbeitsloser Vorspeisenkellner (Simon Schwarz), verliebt sich in die phlegmatische Filmstudentin Anna (Kathrin Resetarits), deren merkwürdige Spleens unter anderem einen Hang zur Asynchronizität (!) und einen - durch Daliah-Lavi-Schlager ausgelösten! - Superheldenkomplex umfassen. Das funktioniert, gerade während der ersten Hälfte des Films, bestens: Dialog und Schauspiel sind voller Esprit, und die absurden Einfälle werden mit einem unangestrengten, trockenen Schmäh ausgespielt, den man leider viel zu selten sieht. Was an der kompetenten, selten vordergründigen Regie (die auch aus dem Videoformat das Beste macht) zudem auffällt, ist ihr charmanter Hang zur Selbstironie - ein Zug, der Kalts Filmhochschulproduktion den satirischen Miniaturen eines Philip K. Dick (etwa dem schwindelerregenden "Your appointment will be yesterday") näher rückt als prätentiösen Arthouse-Fingerübungen wie "Memento" oder "Lola rennt", die auf ähnliche Weise mit den Topoi Zeit, Kausalität und Schicksal spielen.


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